Wie die Handlungsorientierte Familienarbeit (HFA) entstanden ist
Wenn man lange genug mit Familien arbeitet, merkt man irgendwann: Die wirklich wichtigen Dinge passieren selten im Gespräch. Sie passieren im Blickkontakt, in der Körperspannung, im Tempo, in der Art, wie ein Kind sich nähert oder zurückzieht.
Ich habe 2021 mit der Fortbildung zu SPIM30-Traumafachberater angefangen, und das hat mich geprägt. Die Interaktion, die Materialien, die Körperarbeit, ohne überhaupt einen anderen Körper zu berühren – all das hat mir gezeigt, dass Handeln oft ehrlicher ist als Reden. Ein Kind, das sich in einen Nestsack wirft, erzählt mehr über seine innere Welt als in jedem Gespräch. Eine Mutter, die ein Stofftier tröstet, zeigt etwas ihrer eigenen Geschichte mit. Und ein Jugendlicher, der beim Musizieren plötzlich wieder durchatmet, macht sichtbar, was vorher unsichtbar war.
Trotzdem wird in den Stunden viel gesprochen. (Ich rede auch generell viel- ich geb’s zu). Es wird verwörtert, sortiert, eingeordnet. Sprache ist wichtig – aber sie ist nicht der Anfang. Der Anfang ist immer der Körper.
Aus dieser Mischung ist die Handlungsorientierte Familienarbeit (HFA) entstanden. Ich wollte ein Konzept, das nicht erst bei Schulkindern anfängt, sondern schon dort, wo Entwicklung in einem irren Tempo passiert: bei Babys und Kleinkindern. Ein Baby, das sich auf einer Kissen‑Insel beruhigt, zeigt etwas über seine Bindung. Ein zurückgezogenes Kleinkind, das beim Grenzsetzen-Setting zum ersten Mal „Nein!“ sagt, zeigt Selbstwirksamkeit. Ein Kind, das wild kritzelt, zeigt Gefühle, die es noch nicht benennen kann. Manchmal frage ich mich, ob wir „Großen“ nicht dem Reden zu viel Bedeutung beimessen und das Nicht-Sprachliche dabei all zu oft übersehen…?
Mich hat beeindruckt, wie viel man sieht, wenn man nicht nur zuhört, sondern hinschaut, oder „hinfühlt“. Neben Sprache und Körpersprache ist auch die Atmosphäre, die jemand kreiert sehr interessant. Wie, Sie kennen das bestimmt, wenn man jemanden trifft und einfach schon spürt, das mit dem gerade nicht Gut-Kirschen-Essen ist.
HFA ist ein Konzept aus der Praxis – für die Praxis.
HFA ist deshalb ein Konzept, das den Alltag ernst nimmt. Denn da knirscht und ruckelt es ja nun mal zu allererst, wenn es ein Problem gibt. Es ist niedrigschwellig, klar und würdevoll. Es arbeitet mit Ritualen (damit sind wiederkehrende Handlungen gemeint, nichts mit Zauberei ;-), mit Spiel, mit Musik, mit Symbolik, mit Beziehung. Und es nimmt die dunklen Seiten von Trauma genauso ernst wie die hellen. Schlafprobleme, Übererregung, Schreckhaftigkeit, Loyalitätskonflikte, Wut, Unsicherheit, Scham, Überanpassung, Angst – Das sind keine Randthemen. Das sind zentrale Lebensthemen, die sich früh zeigen und später groß werden. Umso besser, wenn man so zeitig wie möglich, den Fuß in die Tür kriegt und etwas tun kann.
HFA und SPIM30
HFA kann für sich allein stehen. SPIM 30 auch.
Aber HFA ist auch die optimale Grundlage für SPIM30. Denn bevor man in die Tiefe geht, braucht es Stabilität, Vertrauen, Orientierung und eine klare Struktur. HFA baut genau das nochmal dezidierter auf und ist auch für die Beratung von mehreren Menschen im Raum gemacht. Es schafft einen sicheren Boden, auf dem SPIM30 später wirken kann oder auch ein anderes Therapiekonzept oder was auch immer Ihr Weg noch so bringt. Stabilität, Reorientierung und ein gesunder Umgang mit Gefühlen haben noch keinem geschadet, denke ich.
