Der Begriff „erwachsene Kinder“ ist natürlich merkwürdig. Er ist ein Widerspruch in sich – erwachsen und Kind zugleich. Ich nutze ihn hier trotzdem, weil er eine Rolle beschreibt: die Beziehung zwischen Eltern und ihren längst erwachsenen Söhnen und Töchtern. Eine Beziehung, die sich nicht einfach auflöst, nur weil jemand volljährig ist.

Die Titelfrage höre ich zwar eher selten, aber vereinzelt schon. Und manchmal dazu noch begleitet von einem halbsarkastischen, halb erschöpften Kommentar: „Na, Frau Petzold, warten Sie mal ab, wenn Sie das mal betrifft.“

Darauf antworte ich gern: „Ja, das wird mich auch eines Tages betreffen. Aber ich bin ja heute für Sie hier.“

Oder es gab auch schon mal die Bitte: „Können Sie mit meinem erwachsenen Sohn mal reden?“ Die Antwort darauf ist schlicht: Nein. Nicht aus Strenge, sondern aus Haltung. Erwachsene Menschen haben Grundrechte (nicht erwachsene natürlich auch – logo). Niemand wird hier gedrängt, überredet oder stellvertretend beraten. Ich arbeite mit dem Menschen, der arbeiten möchte – und dann stehe ich voll zur Verfügung.

Wenn die alte Rolle nicht mehr trägt

Für viele Eltern fühlt sich dieser Übergang ungewohnt an. Man verliert Selbstverständlichkeiten, die über Jahre getragen haben, und muss sich neu sortieren. Noch herausfordernder wird dieser Umbau der Beziehung, wenn die gesamte Eltern‑Kind‑Geschichte von traumatischen Erfahrungen geprägt ist: alte Verletzungen, alte und aktuelle Konfliktthemen, Verhaltensweisen, die das „Damals“ immer wieder in die Gegenwart holen. Das macht jeden Entwicklungsschritt schwerer.

Gleichzeitig entscheiden sich zunehmend mehr junge Erwachsene dafür, den Kontakt zu ihren Eltern zu reduzieren oder ganz zu beenden. Dieses Thema ist längst in der öffentlichen Debatte angekommen und wird kontrovers diskutiert.

Meine Haltung dazu ist klar: Jeder Mensch ab 18 Jahren darf selbst entscheiden, mit wem er Kontakt hat – und mit wem nicht. Mit allen positiven oder negativen Konsequenzen, die daraus entstehen können.

Wenn Klientinnen und Klienten Abstand brauchen, um an eigenen Themen zu arbeiten, ist das ihr gutes Recht. Wenn sie als Erwachsene ihre Eltern mit ihrer subjektiven Sicht auf die eigene Kindheit konfrontieren möchten, ist das ihr gutes Recht. Es stärkt im Übrigen die eigene Charakterentwicklung und darin steckt das Potenzial auch transgenerationale Muster zu entdecken. Und wenn sie zu dem Schluss kommen, dass sie und ihre Eltern sich nicht verstehen, dass der Kontakt belastend oder schlimmeres ist, dass es ihnen ohne Kontakt besser geht, dann ist auch das ihr gutes Recht.

Grenzen – und die Herausforderung dahinter

Erwachsene Söhne und Töchter setzen Grenzen. Manchmal klar, manchmal scharf, manchmal auch ungeschickt. Aber Grenzen bedeuten Entwicklung – und das kann man pädagogisch erstmal gut finden.

Für manche Eltern ist das aber schwer auszuhalten, besonders wenn man selbst viel getragen hat. Dann fallen Sätze wie: von „Das wird immer mein Baby bleiben.“ bis „Du hast mir nichts vorzuwerfen, ich habe dir alles gegeben.“ – Man hängt noch an den alten Rollen.

Ich würde erstmal wohlwollend interpretieren, dass diese Sätze aus Sorge, aus Überforderung, aus dem Versuch, Stabilität zu bewahren kommen. Problematisch wird, es wenn Besitzansprüche gestellt werden oder daraus eine emotionale Nötigung wird

Wenn Nähe und Abstand gleichzeitig passieren

Viele Eltern von Kindern allen Alters erzählen mir: „Manchmal grenzt mein Kind sich ab – und manchmal kommt es weinend zu mir.“

Das ist kein Widerspruch. Das ist Wachstumsveränderung. So läuft das die ganze Kindheit und danach. Als ich noch Erzieherin war, habe ich es gern humorvoll verpackt: „Sobald die Kinder aus dem Bauch raus sind, dann versuchen sie schon dich loszuwerden.“ 😉

Ein junger Mensch pendelt zwischen Autonomie und Nähe, zwischen Selbstständigkeit und Rückversicherung. Das ist ein normaler Teil der Reifung. So entwickelt sich der Charakter. Dass das aber auch anstrengend und belastend ist (für alle Beteiligten), verstehe ich komplett.

Ebenso kann ich empathisch nachvollziehen, dass die Ankündigung eines Kontaktabbruches, einer Kontaktpause oder einer Konfrontation schmerzhaft sein können. Natürlich kann es das sein und auch an diesen Gefühlen darf man bei mir arbeiten. Es kann sich auch für die Eltern lohnen, über sich und ihre Kindheit und die ihrer Kinder nachzudenken.

Die Arbeit mit den eigenen Stammbaum und wie man selbst und die davor sozialisiert wurden, ist ein Teil dessen, wer und WIE wird sind. Was gab es da? Wie wollte ich als Eltern sein und wie war ich tatsächlich? Was muss ich aus der Konfrontation annehmen, weil es wahr ist und was kann ich nicht verstehen oder teilen? Wie könnte eine Beziehung künftig aussehen? Vielleicht auch mit Blick auf die Enkelkinder:

Eine kurze Geschichte, die mich berührt hat

Ich hatte eine Frau von circa 60 Jahren kennengelernt (ich werde jetzt natürlich nicht sagen wo genau). Sie hatte zwei erwachsene Söhne, die inzwischen auch je ein Kind hatten. Sie machte auf mich einen rüstigen Eindruck, fast hart, und wir sprachen so über dies und das, was sie mit den Enkeln erlebt hat. Und sie sagte: „Meine Enkel sind die ersten Menschen, die mir nicht auf die Nerven gehen. Das hatte ich noch nie.“ -das war ein so unerwarteter Satz, dass ich erstmal laut lachen musste- „Ich habe gar nicht gewusst, wie lustig das Leben mit so kleinen Menschen sein kann.“

Verrückt, dachte ich mir, denn sie hatte doch zwei Söhne, aber sie fuhr fort: „Ich habe erst vor kurzem verstanden, wie schwer das war für meine Jungs, mit mir zu groß zu werden. Ich war so genervt von allem und oft so unfair…. Dass ich heute mit deren Kindern so viel Zeit verbringen darf….damit hatte ich gar nicht gerechnet. Enkel sind ein Geschenk, weißt du.“

Da hatten sich doch glatt ein paar Tränchen in mein Auge verirrt. Das Gespräch hat mich so unvermittelt emotional berührt. Am Ende erzählte sie mir, dass sie sich mit ihren Söhnen darüber unterhalten hatte und die Söhne sehr überrascht waren, dass sie von sich aus so offen ihre Defizite und Ungerechtigkeiten so umfänglich auf den Tisch gebracht hatte. Sehr beeindruckend.

Ich versuche diese Weisheit, die da aus ihr gesprochen hat, mit in meine Arbeit zu nehmen: Im Konflikt liegt immer auch die Chance auf Wachstum. Aber Sie wissen ja, wie es oft so um die Konfliktfähigkeit bestellt ist. Es wird nicht immer das beste Resultat herauskommen – aber in manchen Fällen vielleicht schon.

Ein ehrlicher Satz zum Schluss

Nicht jeder wird mit meiner Haltung zufrieden sein. Gerade bei diesen emotionalen Themen. Es wird Menschen geben, die finden das ungebührlich („Blut ist doch dicker als Wasser!“), die fühlen sich missverstanden („Jetzt bin ich an allem Schuld, oder was?!“), die halten meine Haltung für falsch („Wo kommen wir denn dahin?“). Das wird es geben. (Gab es auch schon.)

Ebenso wird es geben, dass ich nicht das sage, was man hören möchte. Sondern das, was Beziehungen zwischen Eltern und erwachsenen Kindern langfristig schützt:

Würde,

Grenzen,

Klarheit,

Einfühlungsvermögen.

Und wenn nötig: Reue.